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Meine Schändung
4.) Die Ursachen meiner unbewussten Aggressionsausbrüche
Da ich schon als Säugling Opfer
von Lieblosigkeit und Gewalt in meinem Dorf geworden war und meine
Eltern mir weder Geborgenheit noch Liebe geschenkt hatten, versuchte
mein Vater mit allen Mitteln der Demütigung und Drangsalierung mir jeden
Schneid dafür zu nehmen, diesen Vernachlässigungen und Misshandlungen
auf die Spur zu kommen.
Er wandte gegenüber mir eine
Sprache und einen Ton an, den ich aus Mangel an Alternativen
verinnerlichte. Da war niemand in meiner Umgebung, der mit mir über
meine schwierige Lage und meine Probleme oder über all die Dinge, die
gemeinhin Gegenstand der dörflichen Gespräche waren, vertrauensvoll
geredet hätte. Wie hätte ich also die allgemein erwarteten
Verhaltensweisen, wie ich mit meinen Schwierigkeiten hätte umgehen
sollen, erlernen können. Mir blieb dieses Wissen lange verborgen, viel
zu lange.
Ich kannte nur die gefühllose,
hasserfüllte und aggressive Erniedrigung. Diesen Zusammenhang vermochte
ich mir damals nicht annähernd bewusst zu machen, so dass ein Phänomen
auftrat, das mir erst mit 60 Jahren klar werden sollte. Dieses Phänomen
trat immer dann auf, wenn ich unter Stress gesetzt wurde. Dieser Stress
war in meinem Heimatdorf für mich an der Tagesordnung, er gehörte zu
meiner täglichen Ration Dorfwirklichkeit. So viele haben sich an mir
dabei vergangen, und das immer wieder aufs Neue, weil sie wussten, dass
sie mich damit aus dem Gleichgewicht brachten und verhinderten, dass ich
über die wahren Zusammenhänge nachdenken und sie erkennen konnte. Das
durfte nicht sein. Ich musste im Dunklen gehalten werden und dort
verbleiben. Ein Dieter Kemmer, der aufgewacht wäre, wäre eine Gefahr für
sie gewesen.
In mir staute sich also der Stress
immer weiter auf, so dass der Druck immer wieder abgelassen werden
musste. Da ich mich weder traute, noch dazu psychisch in der Lage
gewesen bin, mich bewusst mit der Lage auseinander zu setzen, baute sich
die in mir angestaute Aufwühlung in unbewussten Aktionen ab, während
denen ich anderen derbe, unschöne Worte an den Kopf warf, Worte, die mir
längst zuvor so oft, vor allem von meinem Vater, lauthals an den Kopf
geworfen worden waren, dass sie mir vertraut, beinahe selbstverständlich
vorkamen.
Meine schutzlos ausgelieferte
Psyche rastete regelmäßig aus, wenn ich unter Stress gesetzt wurde. Dass
sie so anfällig und sensibel war, lag zum ersten wohl daran, dass ich
ohne Zuwendung von Liebe und Geborgenheit in meinem frühesten
Kindesalter mehrere Monate mit einer Lungenentzündung im Krankenhaus
verbringen musste. Das hat seine psychischen Spuren bei mir
hinterlassen. Zum zweiten wurde ich nach meiner Entlassung aus dem
Krankenhaus auf mehrfache Weise misshandelt und geschändet. Weil ich
nach Liebe und Geborgenheit verlangte, sperrte man mich als Störenfried
in den Keller. Zum dritten war da niemand, der sich meiner angenommen,
der mit mir gesprochen oder mich angelächelt hätte. Ich war für meine
Eltern nur ein Mittel zum Zweck. Sie konnten all die, die an meiner
Schändung beteiligt waren, auf ihre Weise erpressen. Wie hatte Otmar
Wies einmal gesagt: „Der gehört nicht zu denen, der gehört denen. Dass
es so etwas wie den überhaupt geben kann.“
Er spielte damit vor allem auf
meine unterbewussten verbalen Aggressionsausbrüche an. In Reckershausen
wussten wohl ziemlich alle, dass dieses Verhalten von mir auf die vielen
Schändungen und Misshandlungen gegenüber mir zurückzuführen war. Aber
nicht einer von all denen, die mich quälten und über mich herzogen, kam
auf die Idee, mit mir zu einem Therapeuten oder Psychologen zu gehen und
diesem über die Umstände meines qualvollen Lebens zu berichten. Damit
hätte man die Ursachen erkennen und meiner Erkrankung nachhaltig
abhelfen können. Doch sie ließen mich lieber mit diesen Qualen leben,
und nicht nur das, sie quälten mich immer grausamer und brutaler weiter
und vertieften damit die Störungen bei mir, die sie von Anfang an
mitverursacht hatten. Da war kein Ausweg in Sicht.
Ein solches Handeln ist eines
anständigen Menschen unwürdig. Es ist feige und hinterhältig und
asozial. Herr Pankow, der Leiter der Heimvolkshochschule Fürsteneck,
sagte einmal zu mir: „Die Leute in ihrem Dorf haben sich ihnen gegenüber
wie Tiere verhalten. Statt ihnen zu helfen, haben sie sie immer weiter
gequält, sie bis in die Psychiatrie, bis in den Behindertenkreis und
sogar bis in zwei Selbstmordversuche getrieben.“
Meine verbalen
Aggressionsausbrüche verschwanden überall dort, wo man mir freundlich
begegnete und mich nicht unter Stress setzte. So zum Beispiel in der
Berufsschule, wo ich mich auf meine Ausbildung ohne Anfeindungen
konzentrieren konnte. So auch während meiner zweiten Technikerausbildung
und vor allem in meiner Zeit der Wohngemeinschaft in Kassel, mit der ich
jetzt schon über 25 Jahre in Kontakt stehe und die mir gegenüber immer
wieder betonte, dass sie sich gar nicht vorstellen könnte, dass ich mich
gegenüber jemandem aggressiv verhalten haben könnte.
Diese unterbewussten verbalen
Aggressionsausbrüche fanden schon in meiner frühesten Kindheit statt.
Als man darauf aufmerksam wurde, versuchte man alles, um mich davon
abzubringen. Ich höre noch die Worte: „Ich habe es im guten und im bösen
versucht, es nutzt alles nichts. Er macht es immer wieder.“
Das Unterbewusste kann man eben
nicht steuern, es wird durch bestimmte Faktoren ausgelöst und dann läuft
ein immer wiederkehrender Film ab. Der Auslöser war stets psychischer
Stress. Wenn ich wieder einmal verbalaggressiv wurde, setzte man mich
zusätzlichen emotionalen Qualen aus und drangsalierte mich auf besonders
schreckliche Weise, so dass ich mich letztlich nur noch in mein
Selbstmitleid flüchten konnte. Da war nicht einer, der auf die Idee
gekommen wäre, dass man mir mit einer Therapie hätte helfen müssen. Ich
selbst vermochte mir nicht zu helfen. Ein Außenstehender kommentierte
dieses Verhalten einmal so: „Die Leute wollen ihn dafür verantwortlich
machen, aber er kann überhaupt nichts dafür.“ Wer ist hier der Dumme?
Als ich mich in der
Heimvolkshochschule in Fürsteneck befand, trat dieses Verhalten von mir
ein paar Mal auf. Die anderen dieses Kreises quälten mich dann
ebenfalls, erkannten aber dann, dass ich überhaupt nichts für dieses
eigenartige Verhalten konnte und eine junge Frau bemerkte verärgert:
„Dafür muss er noch eine kriegen.“
Wenn diese verbalen Aggressionen
in meinem Heimatdorf bei mir ausbrachen, saß ich wie die Maus in der
Falle und musste alles Weitere über mich ergehen lassen, wie heiße Lava
nach einem Vulkanausbruch. Ich war sozusagen meinem Schicksal blind
ausgeliefert, ohne Aussicht darauf, es jemals abwenden zu können.
Es ist einfach eines anständigen
Menschen unwürdig, einen andern Menschen mit einer so verhängnisvollen
psychischen Störung ohne therapeutische Hilfe vegetieren zu lassen.
Einfach nur zuzusehen, wie jemand zugrunde geht und seinen Teil Hohn
noch dazu beizutragen. Sie haben dieses Aggressionsphänomen als Beweis
dafür genommen, dass ich kein Mensch sei und daher auch keine
Menschenrechte besäße. Man muss einen Menschen nur grausam genug
psychisch quälen, dann stellt sich der Beweis dafür, dass der
Geschändete selbst die Schuld trägt, immer wieder von selbst ein. So
erklärte man mich für Freiwild, betrachtete mich als vogelfrei. Wenn
sich einmal jemand vorsichtig unterstützend auf meine Seite stellen
wollte, dann wurde ihm entgegengehalten: „Bei dem ist das doch sowieso
egal. Das ist kein Mensch. Meinst du vielleicht, ich würde bei dem noch
Gewissensbisse bekommen?“
Einige waren sich schon darüber im
Klaren, dass sie etwas taten, was eigentlich nicht zu verantworten war.
Aber sie taten es doch, und sie haben es nie geschafft, damit
aufzuhören.
Mit 60 Jahren begriff ich also zum
ersten Mal, wie es um meine verbalen Aggressionsausbrüche gestellt war.
Mit 63 Jahren erlebte ich ganz bewusst einen dieser unterbewussten
Ausbrüche. Ich konnte ihn zwar nicht aufhalten, aber ich konnte mich
erstmals mit ihm auseinandersetzen. Ich war an diesem Tag sehr ängstlich
und nervös, hatte über viele Dinge meiner Vergangenheit nachgedacht und
mich in mein letztes Refugium, mein Gartenhäuschen, zurückgezogen. Als
ich das Häuschen dann doch verlassen musste, hoffte ich noch, dass ich
niemandem begegnen würde. Doch ich traf direkt auf meine beiden
Nachbarinnen, die sich vor meinem Haus unterhielten. Eine sprach mich
an, dass am nächsten Tag an ihrem Haus Arbeiten zu verrichten seien und
dafür benötige man Zugang zum Flur meines Hauses. Ich schnauzte sie
plötzlich in aggressivem und unverhältnismäßig lautem Ton an: „Ja, wenn
du mir Bescheid sagst, dann ist das okay.“ Sie drehte sich um und ging
verärgert davon.
Im nächsten Moment dachte ich:
„Was war das denn? Das war doch nicht ich. Was war denn das für ein
Ton?“ Es war genau der Ton, mit dem mein Vater mich die Kindheit
hindurch zurechtgestutzt hatte und der jetzt unterbewusst bei mir wieder
ausgebrochen war. Mir wurde klar, dass es hier um einen Mangel an
Menschlichkeit, an empathischen Gefühlen geht, dass hier ein tiefes
Bedürfnis nach Geborgenheit und Liebe einen hilflosen Schrei nach außen
wirft. Ich spürte eine tiefe innere Aufwühlung.
Am nächsten Tag schaffte ich es,
mich bei meiner Nachbarin zu entschuldigen. Das war ein großer Schritt
der Erkenntnis bei mir, einer Erkenntnis über die Zusammenhänge von
unterbewusst ablaufenden Verhaltensweisen und wie man mit ihnen
menschlich umgehen, sie also wieder richtigstellen kann. Eigentlich
hätte sich die Schänderbande bei dieser Frau entschuldigen müssen, so
wie sie sich auch für alle aggressiven Ausbrüche von mir in früheren
Zeiten bei den jeweils Betroffenen hätte entschuldigen müssen, denn sie
war die Ursache all dieser aggressiven Attacken. Aber sie erwarteten
eine Entschuldigung von mir. Das aber konnte ich nicht, weil das
Geschehen unterbewusst war. So folgerten sie: „Wenn der sich nicht bei
uns entschuldigt, dann haben wir auch nichts verbrochen.“
In meinem Dorf hat sich nie jemand
darum bemüht, sein Verhalten gegenüber mir zu korrigieren oder nur zu
bedenken. Die, die mich am furchtbarsten gequält haben, die wurden am
meisten anerkannt. Es waren die dörflichen Helden.
Ein einziges Mal setzte sich
jemand für mich ein, ein früherer Kumpel, der es zu etwas gebracht
hatte. Er kam einmal in die Dorfkneipe von Otto Schmidt und sagte den
Quälern mal richtig die Meinung. Doch das störte die nicht, ihre
Quälereien ungehemmt gegen mich fortzusetzen. Bernhard Christ sprach es
einmal aus: „Was sie mit dir gemacht haben, das haben sie noch mit
keinem gemacht.“
Dabei war man sich schon darüber
im Klaren, dass ich krank geworden war. Mitarbeiter der Volksbank in
Kirchberg hörte ich sagen: „Der gehört in eine Anstalt.“ Und der
Kneipenwirt Otto Schmidt hatte schon begriffen, was da ablief: „Der ist
wie aufgezogen.“ Bei mir lief eben alles wie in Trance ab, wie ein
fremder Film von einer Spule. Otto Fuchs fügte hinzu: „Er muss doch
Dampf ablassen.“ Und Erich Echternach sagte: „Das ist sein Ventil.“
Otmar Wies zog sozusagen das
dörfliche Resümee: „Man könnte ja Rücksicht nehmen. Aber bei dem: Nein!
Wegen dem doch nicht.“
<Wegen dem>? Sie betrachteten mich
nicht einmal als Mensch. Wie oft hatte ich hören müssen: „Das ist doch
kein Mensch!“
(Besse. 13.06.2017)
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