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Meine Schändung

 

2.) Wie die Schändungen begannen

In diesem Jahr besuchte ich einen Mann aus der Nähe meines Heimatdorfes, bei dem alles, was ich bis dato wusste, dafür sprach, dass er an der Schändung in meiner frühesten Kindheit beteiligt gewesen sein musste. Dennoch war mir dieser Mensch irgendwie sympathisch.

Ich zeigte ihm die Konto-Unterlagen, deren Einzahlungen Zeugnis über die finanziellen Zuwendungen der Schänder auf mein Bankkonto abgaben. Von diesem Geld, von dessen Existenz ich früher nichts wusste, habe ich nie etwas gesehen, da mein Vater, dem ich damals noch vertraute, es eingerichtet hatte und mit einer Vollmacht von mir führte. Zudem erzählte ich ihm, wie meine Eltern sich heimlich in meine Wohnung in Trier geschlichen hatten, um mir diese Unterlagen zu entwenden, die sie aber nicht fanden. Er fand es unglaublich, dass man mir dieses Geld vorenthalten hatte.

Danach wollte er wissen, von wem dieses Geld eingezahlt worden war. Ich behauptete, dass mir das nicht bekannt sei, fragte ihn aber, was er über die Dinge wüsste, die man in meiner frühen Kindheit mit mir angestellt hatte und die über den bekannten Umstand, dass man mich oft, wenn ich geschrien habe, in den Keller gesteckt hatte, hinausgingen.

Er erwähnte mir gegenüber, dass Erhard Adams mich mehrfach geschlagen und in eine Jauchegrube gesteckt habe, weil ich nach dessen Meinung störte. Er setzte hinzu, dass mich auch noch andere geschlagen hätten, wenn ich geschrien habe oder auf andere Weise als störend empfunden wurde. Ihr Kommentar war stets: So, nun hast du wenigstens einen Grund zum Schreien. Beteiligt waren hieran unter anderem Helmut Adams, Heinz Adams, Helmut Berg (25 Jahre Bürgermeister von Reckershausen), Walter Hammen und August Berg. Die Mitglieder der Freien Evangelischen Gemeinde waren die Schlimmsten.

Sie vergriffen sich immer wieder ausgiebig an mir, weil ich sie bei irgendwelchen Handlungen störte. Ich weiß heute, dass es sich um sexuelle Treffen in meinem Elternhaus gehandelt hat. Und man muss dazu wissen, dass ich damals ein schwaches Kleinkind war, das gerade eine schwere Lungenentzündung knapp überstanden hatte. Meine Tante Maria Nickerl sagte einmal: „Wenn er das erfährt, was sie alles mit ihm gemacht haben, dann geht es ihm aber noch dreckig.“

Als ich das alles von diesem Bekannten gehört hatte, war ich entsetzt und von Erinnerungen überwältigt, sodass ich aufstand, um zu gehen. Der Mann sagte betroffen zu mir: „Es ist gut, dass du nicht alles weißt.“ Ich schaute ihm lange in seine Augen, dann ging ich zur Tür hinaus. Ich traute mich in diesem Moment nicht, noch einmal nachzufragen, was sie sonst noch so alles mit mir angestellt hatten. Ich musste erst einmal das Gehörte verdauen.

Ein Kleinkind, das gerade mit knapper Not eine vier monatige Lungenentzündung überlebt hatte, so zu quälen, nur weil es nach Liebe und Zuwendung schrie, was ist das anderes als eine Schändung? Weil ich weder Liebe noch Zuwendung erfuhr und daher weiter schrie, wurde ich geschlagen, in die Jauchegrube gesteckt, gegen die Wand geworfen, in den Schweinestall gesteckt und letztlich in den Keller gesperrt, wo man mich weiter um Zuwendung vergeblich schreien lassen konnte. Wie soll man das anders nennen?

Als ich nach dem vier monatigen Krankenhausaufenthalt nach Hause kam, hätte ich dringend jemanden gebraucht, der mich in den Arm genommen und liebevoll getröstet hätte. Aber für mich war niemand da. Man steckte mich einfach in die Dunkelheit.

Einen älteren Mann, der an den Schändungen beteiligt war, hörte ich einmal etwas aussprechen, was ich erst heute einzuordnen verstehe: „Was denkt ihr denn, was da los war. Sie waren doch alle wie die Narren. Da hat doch keiner an den gedacht. Der kam in den Keller, da konnte er schreien, solange er wollte.“

Wenn man einem Mensch im frühesten Kindesalter so etwas zufügt, dann wird das zu furchtbaren psychischen Schäden führen. Ich habe dann als junger Mann, in vollkommener Verdrängung all dieser Schändungen, unbewusste Aggressionsausbrüche an den Tag gelegt, in denen ich anderen Menschen unschöne Dinge an den Kopf geworfen habe. Dies und andere Qualen waren Folgen dieser Schändungen.

Ich vermochte diese unbewussten Aggressionsausbrüche erst mit 60 Jahren wirklich zu verstehen. Das ist einer dieser nicht gut zu machenden psychischen Schäden, die ich davon getragen habe.

Und dass dies so lange gedauert hat, liegt nicht daran, dass ich vielleicht dumm wäre. Ich habe zwei erfolgreiche Ausbildungen zum Bautechniker in Trier und Kaiserslautern absolviert. Doch mit den Folgen dieser psychischen und körperlichen Schändungen bin ich bis heute nicht fertig geworden. Sie werden auf immer ein Teil von mir bleiben, ein Teil, dem ich versuche, immer tiefer auf den Grund zu gehen, um weiter leben zu können.

(Besse. 01.07.2017)