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Meine Schändung

1.) Einführung

Ich kann mich daran erinnern, dass ich in meiner frühesten Kindheit immer voller Ängste war. Wenn die Erwachsenen das bemerkten, erklärten sie mich regelmäßig für minderwertig. Nur mein Großvater nahm mich ab und an in den Arm, und er redete auch von <unserem Dieter>, was meine Eltern nie taten. In der Schule hatte ich immer meine Vier, und ich hatte oft Mühe, die Klasse überhaupt zu schaffen. Keine Lehrperson hatte je eine kümmernde oder fördernde Beziehung zu mir. Einer sagte, auf mich bezogen: „Mich um anderer Leute Kinder kümmern? Nein!“ Oder einmal sagte einer: „Dieter, manchmal zweifle ich an Deinem Verstand.“

Als ich zwölf Jahre alt war, starb mein Großvater. Seit diesem Tag war mein Elternhaus für mich eiskalt und leer. Es gab nicht einmal mehr die geringste Geborgenheit. In der Schule bekam ich einen Blauen Brief: Versetzung gefährdet. Die ersten auffallenden psychischen Schwierigkeiten traten auf. Nur die Tatsache, dass ich nach dem Hauptschulabschluss etwas tun konnte, das die Anerkennung der Familie fand, brachte mich wieder ins Gleichgewicht. Die meisten meiner Familie arbeiteten auf dem Bau, und so lernte ich Maurer. Mit der Zeit konnte ich immer mehr leisten, und so wuchs mein Selbstbewusstsein. Nach sechs Jahren Bau strahlte ich eine starke Selbstsicherheit aus, die es mir möglich machte, eine zweijährige Technikerausbildung zu überstehen. In der Zeit auf der Baustelle bestand mein Leben ausschließlich aus Arbeit und aus dem Saufen mit den Kumpels. Etwas anderes bot sich mir nicht an. Von einer Beziehung zu einem Mädchen war ich weit entfernt, und die ständige harte Maloche wurde für mich unerträglich. Ich meldete mich in der Technikerschule an. In Trier lernte ich zwei Jahre Hochbautechniker, in Kaiserslautern noch ein Jahr Tiefbautechniker. Danach arbeitete ich ein Jahr als Bautechniker in der Verbandsgemeinde in Kirchberg.

Ich wechselte also von der Baustelle in die technische Ausbildung. Das hatte allerdings zur Folge, dass ich in meiner Familie keinerlei Anerkennung mehr bekam. In dieser Zeit verliebte ich mich nacheinander in drei Mädchen. Zuerst in Marita Rickus, in meiner Zeit in Trier, und dann in Marlene Marx, in meiner Zeit in Kaiserslautern. Danach, in meiner Zeit auf dem Bauamt, in Ute Mennrad. Doch alle diese Beziehungen scheiterten schon im Ansatz, da ich zu einer wirklichen Liebesbeziehung nicht fähig war.

Nach der Arbeit auf dem Bauamt reiste ich aus Verzweiflung zwei Jahre ‚durch die Welt‘, bis bei mir eine Schizophrenie ausbrach. Ich durchlebte insgesamt sechs Schübe. Die ersten viereinhalb Jahre dieser Zeit musste ich wieder in meinem Dorf leben, da dies der einzige Lebensort für mich war. Nachdem mir gelungen war, Geschlechtsverkehr zu haben, fühlte ich mich endlich dazu in der Lage, in den Behindertenkreis für psychisch Erkrankte zu gehen. Dort fanden zwei wichtige Dinge statt. Einmal erkannte ich, dass ich sehr viele Dinge verdrängt hatte, die mir jetzt plötzlich bewusst wurden, und zum anderen nahmen mir zwei Frauen, zu denen ich Kontakt hatte, die unerträgliche Angst davor, ein Sexualverbrecher zu sein, was mir die Schänder aus meinem Dorf einzureden versuchten.

Nach diesen Erfahrungen gelang es mir wieder, aus dem Behindertenkreis auszusteigen. Ich zog nach Kassel, wo ich einige Freunde gefunden hatte. Hier fand die alte Zeit ihr Ende, die unter dem Zeichen stand: Überall dort, wo die Schänderbande ihre Hände im Spiel hatte, war mein Leben ein einziger ‚Haufen Scheiße‘. Diese neuen Freunde halfen mir, Fuß zu fassen, und in diesem Kreis lebe ich nun seit 25 Jahren. In diesem Umfeld habe ich meine Bücher geschrieben, und von hier aus unternahm ich meine Reisen. Dies alles hat dazu beigetragen, dass ich heute mit der Tatsache der Schändung leben kann.

(Besse.10.08.2017)