Ich kann mich daran erinnern, dass ich in meiner
frühesten Kindheit immer voller Ängste war. Wenn die Erwachsenen das
bemerkten, erklärten sie mich regelmäßig für minderwertig. Nur mein
Großvater nahm mich ab und an in den Arm, und er redete auch von
<unserem Dieter>, was meine Eltern nie taten. In der Schule hatte ich
immer meine Vier, und ich hatte oft Mühe, die Klasse überhaupt zu
schaffen. Keine Lehrperson hatte je eine kümmernde oder fördernde
Beziehung zu mir. Einer sagte, auf mich bezogen: „Mich um anderer Leute
Kinder kümmern? Nein!“ Oder einmal sagte einer: „Dieter, manchmal
zweifle ich an Deinem Verstand.“
Als ich zwölf Jahre alt war, starb mein Großvater.
Seit diesem Tag war mein Elternhaus für mich eiskalt und leer. Es gab
nicht einmal mehr die geringste Geborgenheit. In der Schule bekam ich
einen Blauen Brief: Versetzung gefährdet. Die ersten auffallenden
psychischen Schwierigkeiten traten auf. Nur die Tatsache, dass ich nach
dem Hauptschulabschluss etwas tun konnte, das die Anerkennung der
Familie fand, brachte mich wieder ins Gleichgewicht. Die meisten meiner
Familie arbeiteten auf dem Bau, und so lernte ich Maurer. Mit der Zeit
konnte ich immer mehr leisten, und so wuchs mein Selbstbewusstsein. Nach
sechs Jahren Bau strahlte ich eine starke Selbstsicherheit aus, die es
mir möglich machte, eine zweijährige Technikerausbildung zu überstehen.
In der Zeit auf der Baustelle bestand mein Leben ausschließlich aus
Arbeit und aus dem Saufen mit den Kumpels. Etwas anderes bot sich mir
nicht an. Von einer Beziehung zu einem Mädchen war ich weit entfernt,
und die ständige harte Maloche wurde für mich unerträglich. Ich meldete
mich in der Technikerschule an. In Trier lernte ich zwei Jahre
Hochbautechniker, in Kaiserslautern noch ein Jahr Tiefbautechniker.
Danach arbeitete ich ein Jahr als Bautechniker in der Verbandsgemeinde
in Kirchberg.
Ich wechselte also von der Baustelle in die
technische Ausbildung. Das hatte allerdings zur Folge, dass ich in
meiner Familie keinerlei Anerkennung mehr bekam. In dieser Zeit
verliebte ich mich nacheinander in drei Mädchen. Zuerst in Marita Rickus,
in meiner Zeit in Trier, und dann in Marlene Marx, in meiner Zeit in
Kaiserslautern. Danach, in meiner Zeit auf dem Bauamt, in Ute Mennrad.
Doch alle diese Beziehungen scheiterten schon im Ansatz, da ich zu einer
wirklichen Liebesbeziehung nicht fähig war.
Nach der Arbeit auf dem Bauamt reiste ich aus
Verzweiflung zwei Jahre ‚durch die Welt‘, bis bei mir eine Schizophrenie
ausbrach. Ich durchlebte insgesamt sechs Schübe. Die ersten viereinhalb
Jahre dieser Zeit musste ich wieder in meinem Dorf leben, da dies der
einzige Lebensort für mich war. Nachdem mir gelungen war,
Geschlechtsverkehr zu haben, fühlte ich mich endlich dazu in der Lage,
in den Behindertenkreis für psychisch Erkrankte zu gehen. Dort fanden
zwei wichtige Dinge statt. Einmal erkannte ich, dass ich sehr viele
Dinge verdrängt hatte, die mir jetzt plötzlich bewusst wurden, und zum
anderen nahmen mir zwei Frauen, zu denen ich Kontakt hatte, die
unerträgliche Angst davor, ein Sexualverbrecher zu sein, was mir die
Schänder aus meinem Dorf einzureden versuchten.
Nach diesen Erfahrungen gelang es mir wieder, aus dem
Behindertenkreis auszusteigen. Ich zog nach Kassel, wo ich einige
Freunde gefunden hatte. Hier fand die alte Zeit ihr Ende, die unter dem
Zeichen stand: Überall dort, wo die Schänderbande ihre Hände im Spiel
hatte, war mein Leben ein einziger ‚Haufen Scheiße‘. Diese neuen Freunde
halfen mir, Fuß zu fassen, und in diesem Kreis lebe ich nun seit 25
Jahren. In diesem Umfeld habe ich meine Bücher geschrieben, und von hier
aus unternahm ich meine Reisen. Dies alles hat dazu beigetragen, dass
ich heute mit der Tatsache der Schändung leben kann.
(Besse.10.08.2017)